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Der Glaube

Das Christentum ist eine semitische Religion. Sie breitete sich zuerst unter den Menschen semitischen Ursprungs und kulturellen Hintergrundes aus. Die Propheten und Jesus samt Seinen Aposteln waren Orientalen und das Alte Testament war für die Aramäer in seiner semitischen Sprache, Aramäisch, abgefasst worden.

Die Aramäer, Galiläer und Juden (Söhne und Kinder der Aramäer) nahmen als erste die Lehre Jesu an. Außerdem predigten die Apostel anfänglich in den Synagogen. Deshalb waren die von ihnen Bekehrten ihre eigene Landsleute bzw. Aramäer, besonders solche, die durch Heirat mit jüdischen Familien verwandt waren, wie Timotheus und Titus, von denen der aramäische Text aussagt, dass ihre Väter Aramäer und ihre Mütter Jüdinnen gewesen sind. Die in Ephesus zum Christentum Übergetretenen waren Aramäer und Juden. Die darauf bezügliche Stelle lautet im altaramäischen Text: „Das aber ward kund allen, die zu Ephesus wohnten, sowohl Aramäern als Juden, und es fiel eine Furcht über sie alle, und der Name des Herrn Jesu ward hoch gelobt“. Ferner fuhren die Christen noch geraume Zeit fort, zu ihrem Gottesdienst in die Tempel und Synagogen zu gehen, sie befolgten jüdische Bräuche und Überlieferungen und hielten das mosaische Gesetz und den Sabbat. Nahezu zweihundert Jahre lang waren die Vorsteher der Gemeinde von Jerusalem Semiten, mit anderen Worten, die Nachfolger Jesu waren den Lehren der Propheten gehorsam.

Die Christen des Westens vergessen oft, dass das Christentum eine östliche Religion ist und die Bibel ein orientalisches Buch, das von Morgenländern in erster Linie für den Gebrauch durch ihre eigenen Landsleute aufgezeichnet wurde. Sie vergessen ebenfalls, dass biblische Manuskripte schon von den ältesten Zeiten an im Nahen Osten weit verbreitet waren, ganz im Gegensatz zur großen Seltenheit und relativ späten Erwerbung und Benutzung der Heiligen Schrift in Europa und Amerika. Dies alles war aber nur natürlich, denn das Christentum begann ja im Osten.

Die europäischen Völker erhielten erst etwa anderthalb Jahrtausende nach den Christen des Orients Zugang zur Bibel. Der größte Teil Europas wurde um die Jahre 800-1000 zum Christentum bekehrt, und zwar durch kaiserliche Erlasse, ohne dass das Volk viel von den Lehren Christi erfuhr. Die Franken, Langobarden, Sachsen und Briten wurden zur Annahme des westlichen Christentums aufgerufen.

Vor dem Entstehen des britischen Kaiserreiches besaßen die Christen Europas keinen wirklichen Kontakt mit den Kirchen des Orients. Sie wussten daher sehr wenig über die morgenländischen Sitten und Bräuche und über die semitischen Sprachen. Aus diesem Grunde hat wohl ein Leonardo da Vinci, Jesus, die Magd Maria und die Fischer-Apostel in kostbare, karmesinfarbige Gewänder gehüllt, statt sie in einfacher, ländlicher Tracht erscheinen zu lassen. Auch wurden Marco Polos Erlebnisse und Erfahrungen, die er gegen Ende des 13. Jahrhunderts im Orient, in Zentral Asien und im Fernen Osten machte, sowie seine Entdeckung christlicher Gemeinden in jenen Gebieten, z.B. auch in China, in Europa viel zu wenig bekannt, um aufklärend wirken zu können. Die Araber und Türken versperrten den Weg nach Indien und Südost-Asien. Dieser Umstand war zweifellos mitbestimmend für den Entschluss von Christoph Columbus, auf der Suche nach einer neuen Route nach Indien den Atlantik zu überqueren. Zu alledem kam noch, dass Europa sich während langer Zeiten durch Kriege, Revolutionen und auch durch Zänkereien über verschiedene kirchliche Lehren und biblische Auslegungen selbst zerfleischte.

Allem Anschein nach erhielten die Römer die Heilige Schrift von den Griechen. Einige Griechen wurden von Paulus, Timotheus und andern jüdischen und aramäischen Missionaren bekehrt, die von den Gemeinden in Jerusalem und Antiochien in Aram – hier wurden die Anhänger Jesu zum ersten Mal Christen genannt, ausgesandt worden waren. Man sieht daraus das wunderbare Wachsen der christlichen Religion, die sich zuerst unter den Angehörigen der semitischen Rasse und Kultur ost- und westwärts in die persischen und römischen Kaiserreiche ausbreitete. Später wurde die Kunde der Geschichte des Kreuzes von einem Volk dem andern überbracht. Dasselbe galt auch für die Ausbreitung der heiligen Literatur.

Das Neue Testament wurde von einer Sprache in die andere übersetzt. Ursprünglich hatte man es aramäisch in der Sprache, welche die ersten, d.h. die galiläischen, palästinensischen und aramäischen Nachfolger Jesu sprachen und schrieben, aufgezeichnet. Später wurde es auch den andern Völkern, anderer Rassen zugänglich gemacht. Anders ausgedrückt heißt das: Das Christentum entstand in Palästina, Aram und Aram-Nahrin, wo es sich zunächst unter den einheimischen, semitischen Völkern ausbreitete, die durch Blutband, Überlieferungen und Lebensgewohnheiten miteinander verbunden waren, später erreichte es die Griechen, Römer, Franken, Briten und die Bewohner anderer europäischer Länder.

Die eigentliche Bevölkerung Aram, Palästinas und Aram-Nahrin fuhr jedoch unverändert damit fort, in Handel und Wandel, Gewerbe und Religion ihre eigene Muttersprache, das Aramäische, zu gebrauchen. Sie tat dies auch während der ganzen Langdauernden westlicher Besetzung, die im Jahre 650 nach Christus durch die arabische Eroberung abgelöst wurde. Sogar unter der Herrschaft der Araber und der Türken behauptete das Aramäische sich immer noch. Es wurde in Libanon und in Aram bis vor einpaar hundert Jahren ganz allgemein gesprochen. Jetzt ist es zur Kirchensprache von nahezu einer Million Aramäern im Libanongebirge geworden. An vereinzelten Orten Syriens (Aram), im Südosten Türkei (Tur Abdin), in der Diaspora, und vor allem im nördlichen Aram-Nahrin hat es sich sogar bis heute noch als Umgangssprache des aramäischen Volkes behauptet.